Die Zukunft von Unternehmen neu (er)fühlen
Future Day 2017 – eine Rückschau

 

Lange haben wir geglaubt, die Zukunft unserer Wirtschaftswelt ließe sich allein aus der Dynamik von Technologie und Ökologie erklären. Diese Gewissheit ist ins Wanken geraten: Deutsche Unternehmen strudeln im eigenen Reformprozess 4.0, Arbeiter befürchten von Robotern ersetzt zu werden, die Perspektiven werden als dunkel empfunden. Kollektive Ängste und Unsicherheit vernebeln den Blick nach vorne. Dort wo sich die Welt digitalisiert, bäumt sich der Mensch als Mensch auf. Er möchte nicht durch Maschinen ersetzt werden. Das Bedürfnis nach Wahrnehmung, Orientierung und Identifikation wächst. Eine kraftvolle Markenidentität, die Menschen im positiven bewegt, wird zum Nukleus eines erfolgreichen Unternehmens. Dass Emotionen dabei eine wachsende Rolle spielen, zeigte der „Future Day 2017“, der sich dem Motto „Zukunft neu (er)fühlen“ widmete. Es sei allerhöchste Zeit über Gefühle zu reden, meinte der Gründer des Zukunftsinstituts Matthias Horx, denn: „Gefühle sind die Disruption, nicht die Geschäftsmodelle.“

 

Sehnsucht nach Sinn

„Digitalisierung ist keine technologische Herausforderung, sondern eine kulturelle“, proklamierte Zukunftsforscher Harry Gatterer. Schließlich seien es nicht die Umstände, die die Menschen beunruhigen, sondern die Meinungen darüber. Laut Gatterer scheitern konventionelle Business-Strategien dann, wenn sie die Gefahr der Entfremdung zwischen Menschen, Gesellschaft und Organisationen ignorieren, statt lebendige Beziehungen zwischen allen Akteuren anzustreben. Infolge dessen wachse die Sehnsucht nach Sinn und authentischem Engagement im beruflichen Umfeld. Was kompliziert klingt, ist leicht nachvollziehbar, denn die Kausalkette ist simpel: Wo die Technik sich massiv breit macht, rückt facettenreich das in den Vordergrund, was uns Menschen ausmacht: Emotionen, Menschlichkeit.

Auch für Emotionen gibt es einen Return on Invest

Tim Leberecht forderte gar einen „radikalen Humanismus“ sowie einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Mensch und Maschine. Leberechts Buch „Business-Romantiker“ trifft den Zeitgeist. So überdreht die Forderung nach Romantik im Wirtschaftskontext ist, so bereichernd ist ihre Untermauerung: Laut Leberecht lautet die zentrale Frage des Zeitalters 4.0 nicht, ob Maschinen denken können, sondern ob wir Menschen noch fühlen können. Emotionen, so zeigte er an zwei Beispielen, können den Return on Invest sogar verbessern: Der US-Schuhhändler Zappos definierte die Maßstäbe für Kundenservice mit handgeschriebenen Zetteln im Schuhkarton, Blumensträußen und einem geduldigen Ohr für Kundenwünsche neu und wuchs rapide. Auch BUUTZORG, ein ambulanter Pflegedienst in Holland mit inzwischen 10.000 Mitarbeitern, setzt auf mehr Herz. Er überlässt es den Pflegern, wie und wie lange sie ihre Patienten betreuen. Mit Erfolg, den Patienten geht es besser und die Pfleger sind zufriedener, weil sie sich stärker mit ihrer Arbeit identifizieren. Leberecht: „Wir alle wollen nur mehr spüren. Und Business ist unser großer Abenteuerplatz hierfür.“

Berufung im Beruf finden

Nicht jedermann kann sich mit seinem Job und Unternehmen identifizieren: „Anstatt Selbstmord zu begehen, gehen die Menschen zur Arbeit“ behauptet der Schriftsteller Thomas Bernard. Woran mangelt es? „Menschen brauchen Inspiration und Mut“, meint Ali Mahlodji. Der Gründer von Whatchado trat am Future Day feurig auf. Der Lebenslauf des Flüchtlings aus dem Iran ist kurvig. Schließlich machte er seine persönlichen Lebensfragen zur Geschäftsidee: Auf Whatchado beantworten 6000 Männer und Frauen aus aller Welt die sieben Fragen, die ihn selbst an meisten bewegten. Alle drehen sich darum, warum Menschen tun, was sie tun. Die Idee dahinter ist, Jugendliche bei ihrer Berufsorientierung zu unterstützen. Eine Million Besucher hat Whatchado monatlich und wird besonders von jenen besucht, die nach sinnstiftenden Tätigkeiten suchen – nach Arbeit, die ihnen Zufriedenheit verleiht. „Irgendwie ist doch jeder von uns auf der Suche, in seinem Beruf auch seine Berufung zu finden“, weiß Mahlodji.

Auch weiche Faktoren verbessern Kennzahlen

Was markiert ihn, den Zeitgeistwechsel in der Businesskultur? Zu allererst die Tatsache, dass über Emotionen im betrieblichen Umfeld überhaupt gesprochen werden darf. Sicher auch die nicht mehr neue Erkenntnis, dass kein Mitarbeiter seine kostbare Lebenszeit damit verschwenden möchte, sich zu viele Stunden am Tag in einem profitgetriebenen Hamsterrad abzustrampeln. Nicht zuletzt die Kennzahlen: Auch die weichen Business-Faktoren steigern Profitabilität, wie Peter Bostelmann eindrucksvoll belegen kann, der bei SAP für mehr Achtsamkeit und eine Mindfullness Communication verankerte und damit den ROI um 200 Prozent steigerte. Das Engagement der Mitarbeiter stieg, die Fehlzeiten reduzierten sich drastisch.

Identifikation wird wichtiger

In einer Welt, die uns bedrohlich erscheint, gewinnt unsere Lebensqualität an Bedeutung. Erfülltheit im Job wird zum Erfolgsfaktor. In Zeiten der Digitalisierung müssen Unternehmen umdenken, Emotionen stärker in den Vordergrund rücken, denn „Zukunft entsteht, wenn Beziehungen gelingen“, so Horx. Dies gilt nach innen wie nach außen. Wir bei brandrelation consulting fühlen uns dadurch in unserer Philosophie exakt bestätigt: Eine gesunde Unternehmenskultur wird zur Überlebensfrage, sowohl bei der Mitarbeitermotivation als auch in der Vermarktung. Die Zukunft gehört jenen, die die Beziehungen zwischen Mensch, Maschine und der Unternehmensmarke nicht dem Zufall überlassen.

 

Kathrin Behrens

Associated Partner, brandrelation consulting

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